Tage im Leben des Bscherrer

Bscherrer erwachte mit dem Gesicht auf der Tastatur seines Läppis. Er schlug die Augen auf und ließ seinen Blick wandern in der Hoffnung, etwas Unerwartetes zu sehen. Doch alles was er sah, war dieselbe Traurigkeit, die ihn seit Jahren Morgen für Morgen hämisch grinsend begrüßte. Er dachte kurz darüber nach zu Weinen, ließ es jedoch sein und setzte sich langsam im Bett auf. Auf seiner linken Gesichtshälfte waren deutlich die einzelnen Tasten des Laptops zu erkennen. Buchstabenlos. Gesichtstastatur, austauschbare Tasten der Gleichgültigkeit. Er blickte hinunter zur Rechner. Die Tasten O, P, L und Ö waren komplett zugespeichelt.

Sein Kopf fühlte sich wie ein riesiger Wattebausch an, er schmerzte jedoch nicht, wie Bscherrer mit Verwunderung feststellte. Über die Jahre hatte sich sein Körper an den Alkohol gewöhnt. Er blickte geradeaus, starrte die Wand vor seinem Bett an. Manchmal bildete er sich ein, die Wände in seiner Wohnung bewegten sich. Sie tauchten an den verschiedensten Stellen vor ihm auf. Unerwartet. Versuchten ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken. Einmal sogar war er ringsum von ihnen eingeschlossen gewesen. Stehend. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Roch den Putz und die Farbe vor seiner Nase. Fiel in einen tiefen Schlaf und sein Traum schob die Wände behutsam zur Seite.

Hätte er nicht urinieren müssen, wäre Bscherrer noch einige Stunden so dagelegen. Seine Blase bugsierte ihn zur Toilette, wo er gefühlte zehn Minuten Wasser ließ. Ein tolles Gefühl. Just in diesem Moment entschied er, heute nicht zur Arbeit zu gehen. Es war Freitag, so what!? Der Job kotzte ihn sowieso an. Bscherrer hasste es, zu unverschämten Anrufern nett zu sein. Nicht, dass er nicht nett sein konnte. Er hasste es nur sich des Geldes wegen zu verstellen. Eine Art Eigenverrat. Er war ein direkter Typ. Wenn ihm etwas nicht passte, sagte er es auch. Nicht immer sehr diplomatisch, aber ehrlich. Seine Mitmenschen hassten ihn dafür. Wollten lieber belogen werden.

Folglich blieb Bscherrer zuhause. Ungewaschen. Unrasiert. Ungeliebt. Setzte sich mit einer großen Flasche Wasser und einer ganzen Staude Bananen ins Bett, schaltete per Fernbedienung die Musikanlage ein und holte sein Moleskine hervor. Hier bewahrte er sorgfältig seine Gedanken auf. Alle. Gute wie schlechte. Schöne und schlimme. Wahre und gelogene. Er schrieb, skizzierte und zeichnete, bis es dunkel wurde. Dunkelheit konnte ihn nicht beeindrucken. Mutig knipste er das Licht an.

Und später am Abend, in der jungen Nacht, weinte er doch noch.

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