Tage im Leben des Bscherrer

Heute war Bscherrer einen Augenblick unaufmerksam.
Er war, 1000-fach geübt, missmutig erwacht, hatte wie so oft schlecht geträumt. Wollte dem Tag grad den Hintern zudrehen, als er das Lichtspiel an der Wand entdeckte. Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch den nicht völlig geschlossenen Rollladen. Zwängte ihre Strahlen durch löchrige Rollladenritzen und warf sie an die Wand gegenüber von Bscherrers Bett. Er war nur kurz unaufmerksam, vergaß dummerweise für einige Sekunden, dass er Berufszyniker und im Besitz einer Selbstmitleid-Dauerkarte war und betrachtete das Lichtspiel neugierig. Nur zwei, drei Sekunden, jedoch völlig ausreichend, um ihm ein zartes Lächeln ins Gesicht zu legen. Er dachte noch „Wie schön!“ und schon war er kein Arschloch mehr. Nur kurz nicht aufgepasst und der Tag war bereits am Morgen versaut. Bscherrer war gut gelaunt.

Musik anschalten, summend rasieren und singend duschen. Rührei mit Basilikum, Toastbrot, Orangensaft, Tee. Bscherrer summte weiter. Machte sich ausgehfertig und trat in den Tag. Kopf in den Nacken, das Gesicht von der Sonne küssen lassen und den blauen Himmel einatmen. Er grinste breit. Bscherrer grüßte sogar höflich die Nachbarin, die jeden Tag zum Fenster hinaushing, um Menschen zu beobachten, zu zählen und zu markieren. Sommers wie winters. Immer die gleiche Kittelschürze und dasselbe dämliche Gesicht. Ihre Haut musste aus einer drei Meter dicken Fettschicht bestehen, denn auch im Winter trug sie nie eine Jacke am Fenster. Sie war keine Frau, sondern ein Walfisch. Frau Lebertran.

Bscherrer flanierte in die Stadt. Suchte sich ein nettes kleines Café und ließ die vorbeiziehenden Menschen an seiner guten Laune teilhaben. Die eine oder andere hübsche Frau lächelte er sogar an. Es tat ihm gut, einmal auszubrechen und nicht grantig und gemein sein zu müssen. Er verbrachte den ganzen Tag downtown, redete nur das notwendigste „Hallo, einen großen Milchkaffee bitte.“ „Danke.“ „Mach vier fünfzig.“ „Den Salat mit Putenstreifen, bitte.“ „Einmal KOPS bitte und Popcorn.“ Er trank keinen Alkohol. Spät in der lauen Nacht kehrte er nach hause zurück. Ging ins Schlafzimmer und berührte vorsichtig die Wand, die am Morgen von der Sonne gestreichelt worden war. Heute hatte er keine Angst vor der Nacht. Und ihren Träumen.

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