Adolf Hitler – Mein Traum

Eine Berghütte, gebettet in saftgrüner Wiese. Liegt mitten in einem kleinen feuchten Tal, wie eine Murmel in einer Kinderhand. Ringsum beäugt von Schneezipfelbergen und solchen, die es noch werden wollen. Landschaftskitsch. Ich stehe vor dem dunkelbraunen, knorrigen Haus und betrachte. Die idiotische Idylle. Mich. Ein Wagen fährt knirschend vor. Ich höre gedämpfte Rufe. „Der Führer kommt! Mein Gott, was will Hitler denn hier?“ Ich überlege kurz zu fliehen, aber meine Beine sind mit der Wiesenhaut verwachsen. Stehe etwas entfernt vom Eingang zur Hütte. Menschenbäumchen. Unverrückbar. Sehe Hitler und einen Begleiter. Gott wie klein dieser Mann ist. Fast ein Zwerg. Als beide kaum hörbar an mir in Richtung Eingang vorbeischweben, hebe ich meinen Arm und sage mit zitternder Stimme „Heil Hitler!“ Hitler sieht mich kurz an und erwidert, fast gelangweilt, mit erschreckend sanfter Stimme, „Guten Tag.“ Beide verschwinden im Haus.

Ich wurzele weiter. Kurze Zeit später kommen sie wieder heraus und begeben sich zu einem Tisch, der unweit neben der Hütte steht und von dieser durch einen kurzen Drahtzaun getrennt ist. Sie setzen sich und sehen mich an. Fasse all meinen Mut zusammen und gehe auf Hitler und den Rest der Welt zu. Dabei steige ich umständlich über den niedrigen Zaun, obwohl man daran vorbeigehen könnte. Bleibe mit der Hose am Draht hängen. Hitler verfolgt mein Tun mit überraschtem Blick. „Was darf’s denn sein?“ frage ich Hitler. Seine wassergrauen, milden Augen fokussieren mich. Samtmilde Todesaugen. Auf der Iris seines linken Auges ist ein größerer dunkler Fleck. Es macht in unvollkommen. Der Fleck vermenschelt ihn. Hitler beugt sich ein bisschen vor und spricht akzentfrei, ohne Hitler-Duktus. Fast flüstert er. „Ich hätte gerne etwas Fleisch, dünn geschnitten, mit Wildschweinrum.“ Da ich keinen Fehler machen möchte, repetiere ich. „Dünnes, rohes Fleisch. Mit Wildschweinrum.“ „Ja, bitte.“ erwidert Hitler verschmitzt. „Kommt sofort!“ antworte ich, freudig darüber, dass ich verstanden habe, was er von mir möchte und dass er mich nicht erschossen hat. Ich gehe zurück zur Hütte, verschwinde darin und verdünnisiere mich durch das Küchenfenster zum Hinterhof. Wir haben keinen Wildschweinrum. Von rohem Fleisch ganz abgesehen.

Jahre später bin ich Chefkoch in einem Berliner Restaurant und treffe Hitler dort als Gast wieder. Er blickt mich länger an und sagt dann „Sie haben mir damals mein Fleisch verwehrt!“ Spiele das Unschuldslamm. „Sie müssen sich täuschen, mein Führer. Dies ist unsere erste Begegnung.“ Er sieht mich noch etwas skeptisch an. Dann wendet er sich wieder dem Essen zu. Ich knalle die Hacken zusammen und wackele etwas mit meiner Kochmütze. Damit war das Kapitel Hitler für mich abgeschlossen.

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