Briefe an H. 3 / Letters to H. 3

Liebe H.

mir geht es heute besser. Dennoch weiss ich nicht, was ich Menschen antworten soll. Wie ich mit ihnen reden soll. Oder muss. Falls ich muss. Ich bin mir da unsicher. Es erscheint mir alles so belanglos was sie mir sagen. Zumindest ist das bei den meisten Leuten so, die mit mir reden. Sie reden „mit“ mir. Nie fragt mich einer, ob ich überhaupt reden will. Menschen reden ungefragt auf mich ein. Ich reagiere dann aus meiner Scham heraus. Heuchle zuzuhören, nicke oder schüttle den Kopf, manchmal ein „mmmh“ oder „ja“ oder „aha“. Aber eigentlich will meine Zunge nicht raus aus der Höhle. Sie weiss nicht was sie da draußen tun soll. Ich fühle mich dann arrogant, als Menschenfeind, dumm…

Heute wieder. Menschen werfen Sätze auf mich.
„Ich habe ihm vor 5 Monaten 20 Meter Maschendrahtzaun geschenkt, aber er hat sie immer noch nicht montiert.“
„Wegen meines Enkels tu ich keine Chemikalien in den Teich, deswegen musss ich ihn drei mal im Jahr leeren und wieder auffüllen. Aber wohin mit all dem Wasser?“
„Ist das nicht ein Scheiß-Wetter heute?“
„Es ist Ausgangssperre, aber die Museen haben geöffnet. Wo ist denn da die Logik?“
Ich sehe mein Gegenüber an wie ein Erstklässler eine Mathematik-Abituraufgabe. Ich verstehe es einfach nicht.

Warum reden so wenige Menschen über Gefühle? Da würde ich gerne zuhören.

Bin ich kaputt? Was stimmt nicht mit mir?

Die Gespräche mit dir sind anders. Du sprichst nicht in mein Gesicht, sondern in mein Herz. Dein Reden fühlt sich warm an.

Ich habe Angst mich noch einmal in dich zu verlieben.

Was ich auch oft bemerke: viele Menschen reden einfach los, weil sie die Stille nicht ertragen können. Dabei ist es doch gerade die Stille, die uns Wertvolles erzählt.

Liebe Grüße, Ronz.

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Dear H.

I feel better today. Still I don’t know what to answer to people. How to talk to them. Or how I have to. If I have to. I’m not sure about that. Everything they tell me seems so irrelevant to me. At least that’s the way it is when most people talk to me. They are talking „to“ me. Nobody ever asks me if I want to talk at all. People talk to me without asking me. Usually I react out of my shame. Pretend to listen, nod or shake my head, sometimes a „mmmh“ or „yes“ or „aha“. But actually my tongue doesn’t want to get out of the cave. She doesn’t know what to do out there. I then feel arrogant, as a misanthrope, stupid…

Today again. People throw sentences at me.
„I gave him 20 meters of chain link fence 5 months ago, but he still hasn’t installed it.“
„Because of my grandson, I don’t put any chemicals in the pond, so I have to empty and refill it three times a year. But where do you put all that water?“
„Isn’t that shitty weather today?“
„It’s curfew, but the museums are open. Where’s the logic?“
I look at my counterpart like a first grader on a maths school-leaving exam. I just do not understand.

Why do so few people talk about feelings? I would like to listen to that.

Am I broken? What’s wrong with me?

The conversations with you are different. You are not speaking in my face, but in my heart. Your talking feels warm.

I’m scared of falling in love with you again.

What I also often notice: many people just start talking because they can’t stand the silence. Yet it is precisely the silence that tells us something valuable.

Kind regards, Ronz.

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