Tentakolon 1/1

Albino-Mädchen abgeschlachtet.
Yuna liest nochmal.
Albino-Mädchen abgeschlachtet.
Sie atmet tief.
10 Jahre alt.
Albino-Mädchen abgeschlachtet.

Die weiße Hautfarbe bringt Glück, steht da, deswegen. In Afrika, Tansania. Tansania kennt Yuna nicht, aber Afrika. Sie war schon mit dem Finger dort. Erst haben sie die Kehle aufgeschlitzt, dann haben sie Kopf, Arme und Beine abgehackt und den Rest in den Graben. Weil viele glauben, die Gliedmaßen bringen Glück, Macht oder Reichtum. „Sie schlachten uns ab wie Hühner“. Kinder töten sie vor den Augen ihrer Eltern. Die Beute landet in Zaubertränken, die Haare werden in Fischernetze geflochten, weil dann mehr gefangen wird. Die Haut wird teuer verkauft.

Yuna klebt den Zeitungsausschnitt ins Heft. Seitenweise Menschen. oft Kinder. Gequält, geschunden, bespuckt, getötet, verhungert. Sie legt sich ins Bett und drückt  Einhorn fest an sich. Warum ist die Welt so? Warum machen Menschen so etwas?

Irgendwann, zwischen Abschlachten und Verhungern, schläft sie ein.

Brief an das Universum

Liebes Universum,

ich weiss du hast viel um die Ohren, wartest mit Sicherheit nicht auch noch auf eine Nachricht von mir. Allerdings musst du mir zugestehen, dass ich mich noch nie an dich gewandt habe, nie an dich rangejammert habe. Bis heute 😉 Verzeih mir, aber nun konnte ich nicht mehr anders.

Bisher habe ich dein / mein Leben klaglos hingenommen, alles akzeptiert was du mir angeboten hast. Das war sicher richtig so, denn sonst stände ich heute nicht da wo ich stehe. Hat allerdings verdammt lange gedauert, an deinem Timing solltest du noch arbeiten.

Ich war heute am See, vielleicht der letzte schöne Tag in diesem Jahr den du uns schenkst. Vielen Dank dafür. Dann aber fragte ich mich: warum präsentierst du mir all diese Schönheiten? Einen tollen See, kühles Wasser, Tiere und Menschen, die ich beobachten kann, nackte Frauen (sie dürften manchmal ruhig etwas knackiger sein), Paare, die sich lieben, schnoddrige Ost-Menschen, die sich davon erzählen wie sie zwei Euro sparen können, wenn sie statt einer drei Flaschen Rotkäppchen-Sekt kaufen, oder davon wie sie in Vietnam massiert wurden. Das ist ja alles interessant und ich beobachte Menschen gerne, höre ihnen auch zu, ich liebe deine Natur.

Aber was ist mit mir? Und der Liebe? Oder dem Erfolg?

Warum darf ich nicht eine Frau an der Hand halten, sie streicheln oder küssen? Warum guckt mich keine Frau so an, wie verliebte Frauen eben Männer ansehen in die sie verliebt sind? Warum darf ich nicht mal wieder eine Brust in der Hand halten und die Frau dabei zärtlich küssen? Von Sex will ich gar nicht reden, das wäre vermessen. Und das sich die Frau, die ich seit Jahren liebe, sich irgendwann in mich verliebt…das kann ich inzwischen loslassen. Aber die Nähe. Einen Körper neben mir spüren. Riechen. Schmecken. Das fehlt mir sehr.

Und was, bitteschön, ist mit dem Erfolg??? Wie lange soll ich denn noch warten bis sich endlich mal was tut? Hallo, ich gehe auf die 60 zu! Hast du das nicht mehr im Blick? Es ist doch Scheisse mit 80 auf Lese-Touren zu gehen! Oder wie siehst du das? Hier könntest du etwas zulegen, bitte. Lass mal die anderen Trilliarden Lebewesen kurz liegen und kümmere dich bitte ausschließlich um mich. Nur ne zeitlang. Fände ich cool von dir.

Bitte sei mir nicht böse, dass ich all das geschrieben habe. Es musste mal raus. Du weisst sicher am besten was zu tun ist. Ich vertraue dir und deinen Absichten. Nur die Sache mit der Zeit…

Ganz liebe Grüße
Jens

P.S.: Wie geht es unserem Vater?

Einmal Thai bitte, scharf

Der Thai-Markt im Preussenpark in Berlin. Die Sonne wütet. Unter bunten Sonnenschirmen kochen und bruzzeln ältere Damen Köstlichkeiten aus ihrer Heimat. Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Massen von zum Teil bis zur Unkenntlichkeit frittierter Dinge, Hähnchenspiesse, Schwein, Rind, Geflügel in allen Variationen, süße Leckereien, Gemüse, Salate, Obst, Nudelsuppen, Reis und drei Millionen andere Sachen. An das frittierte Insekten-Buffet traue ich mich heute nicht ran. Bleibe bei Bier und (witzigerweise) vietnamesischen Sommerröllchen mit Erdnussdip, gegrillten Garneelen und frittierten Bananen. Ich chille im Schatten eines Baumes, beobachte Menschen.

Als ein Vogel mir aufs Hemd kackt und sich nicht zu Erkennen gibt, beschließe ich zu gehen. Auf dem Weg zum Auto, vorbei am schnatternden Thai-Kochtrubel, kaufe hieer, legger, sehr legger, billig du kannst, entdecke ich den älteren Mann. Er sitzt auf einer Decke in der prallen Sonne. Goldkettchen, braun gebrannt, kurze Shorts, Oberkörper frei, Sonnenbrille, Hüfttasche. Er wirkt auf mich als wisse er genau, was er will. Sieht sich um. Aha, denke ich, das Kopf-Klischee klappt auf, der sucht. Der weiss, wie man Thai-Frauen kaufen kann, hat es schon tausendmal gemacht. Er wirkt zufrieden. Eine ältere Thai-Frau nähert sich ihm von hinten, klopft ihm auf die Schulter. Er dreht sich um, nickt. Die Thailänderin geht wieder weg. Der Mann steht umständlich auf, er hat eine ordentliche Plautze, die über den Rand der Shorts hängt. Seinen Bewegungen sieht man an, dass er in einer selbstsicheren Welt lebt in der dicke braune Plautzen durchaus anerkannt sind. Ich bin ein bißchen neidisch, denn ich schäme mich meiner eigenen Plautze, die ich mit einem weiten Hemd kaschiere.

Ich folge dem Mann unauffällig, er folgt der Thailänderin in gebührendem Abstand. Die Frau geht zu einer Decke unter einem schattigen Baum. Darauf ein Kopfkissen mit schmuddeligem hellblauen Handtuch. Ringsherum Scharen von Asiaten. Der Baum steht in Klein-Thailand. Der Mann legt sich auf den Rücken, auf das Kopfkissen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Die Frau kniet neben ihn nieder und bedeckt seine Beine und Hüfte mit einem bunten Tuch. Wozu? Ich habe gelesen, dass hier auch Thai-Massagen angeboten werden. Aber wozu das Tuch, wo er doch Shorts anhat?

Ich möchte nicht weiter zusehen. Der Rest des Geschehens findet in meinem Kopf statt.  Auf dem Weg zum Auto frage ich mich, wer von uns beiden, der ältere Mann oder ich, gerade der Idiot ist. Die Wetten stehen 70:30 für mich.