Briefe an H. 4 / Letters to H. 4

Liebe H.

mir geht es heute besser. Heute habe ich mein Herz beobachtet. Wie es stolperte. Mein Herz stolpert ab und an. Es weiss dann nicht genau wie es schlagen soll und kommt aus dem Tritt. Es tritt einige male auf der Stelle, wie eine Katze, die mit dem Hintern wackelt, bevor sie auf die Beute hechtet. Es tritt also auf der Stelle und sagt „Warte! Warte! Gleich. Noch nicht. Warte….JETZT!“ Dann schlägt es wieder normal. Das macht es einfach so, ohne mich zu fragen.

Herzrhythmusstörung nannte mein Arzt es. Ich war 16. Seitdem weiss ich, dass ich meinem Herz nicht trauen kann. Es pocht wild, wenn es Liebe wittert. Schreit, wenn es Hass riecht. Aber wenn es wichtig wird tritt es auf der Stelle. Traut sich nicht. Oder übertreibt. Dauerpochen. Wenn ich verliebt bin z.B. Wenn ich „meine“ verliebt zu sein. Da macht es Rabatz. Aber wenn es wichtig wird, da hält es die Schnauze.

Ich hoffe dir geht es gut.

Mir hat niemand beigebracht wie man sich rasiert. Neulich sah ich einen Film in dem ein Vater seinem Sohn gezeigt hat wie man sich rasiert. Es hat mich sehr berührt. Mein Vater hat mir nur gezeigt wie man Frauen schlägt. Ich konnte es nie anwenden. Sah keinen Sinn darin. Es berührt mich nicht Frauen zu schlagen. Der Vater in dem Film sagte zu seinem Sohn „Rasiere niemals gegen Strich.“ Wusste ich nicht, als ich mich das erste mal rasierte. Fett gegen den Strich rasiert. Ohne Folgen. Auch guten Vätern muss man nicht alles glauben.

Aus tiefstem Herzen (?), Ronz.

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Dear H.

I feel better today. Today I watched my heart. How it stumbled. My heart stumbles every now and then. It often doesn’t know exactly how to beat in time and gets out of step. It stumbles a few times, like a cat wiggling its butt before rushing on the prey. So it steps on the spot and says, „Wait! Wait! In a moment. Not yet. Wait …. NOW!“ Then it beats normally again. It just does it that way without asking me.

Cardiac arrhythmia my doctor called it. I was 16. I’ve known since then that I can’t trust my heart. It pounds wildly when it sniffs love. Screams when it smells hate. But when it becomes important, it steps on the spot. Doesn’t dare. Or it exaggerates. Constant pounding. When I’m in love e.g. When I ‚mean‘ to be in love. Then my heart makes a fuss. But when it becomes important, it shuts up.

I hope you are doing well.

Nobody taught me how to shave. The other day I watched a movie in which a father showed his son how to shave. It really touched me. My father only showed me how to beat women. I could never use it. Didn’t see any point in it. It doesn’t affect me to beat women. The father in the motion picture said to his son, „Never shave against grain.“ I didn’t know when I shaved the first time. I gross shaved against the grain. Without consequences. You don’t have to believe everything in good fathers either.

From the bottom of my heart (?), Ronz.

Briefe an H. 3 / Letters to H. 3

Liebe H.

mir geht es heute besser. Dennoch weiss ich nicht, was ich Menschen antworten soll. Wie ich mit ihnen reden soll. Oder muss. Falls ich muss. Ich bin mir da unsicher. Es erscheint mir alles so belanglos was sie mir sagen. Zumindest ist das bei den meisten Leuten so, die mit mir reden. Sie reden „mit“ mir. Nie fragt mich einer, ob ich überhaupt reden will. Menschen reden ungefragt auf mich ein. Ich reagiere dann aus meiner Scham heraus. Heuchle zuzuhören, nicke oder schüttle den Kopf, manchmal ein „mmmh“ oder „ja“ oder „aha“. Aber eigentlich will meine Zunge nicht raus aus der Höhle. Sie weiss nicht was sie da draußen tun soll. Ich fühle mich dann arrogant, als Menschenfeind, dumm…

Heute wieder. Menschen werfen Sätze auf mich.
„Ich habe ihm vor 5 Monaten 20 Meter Maschendrahtzaun geschenkt, aber er hat sie immer noch nicht montiert.“
„Wegen meines Enkels tu ich keine Chemikalien in den Teich, deswegen musss ich ihn drei mal im Jahr leeren und wieder auffüllen. Aber wohin mit all dem Wasser?“
„Ist das nicht ein Scheiß-Wetter heute?“
„Es ist Ausgangssperre, aber die Museen haben geöffnet. Wo ist denn da die Logik?“
Ich sehe mein Gegenüber an wie ein Erstklässler eine Mathematik-Abituraufgabe. Ich verstehe es einfach nicht.

Warum reden so wenige Menschen über Gefühle? Da würde ich gerne zuhören.

Bin ich kaputt? Was stimmt nicht mit mir?

Die Gespräche mit dir sind anders. Du sprichst nicht in mein Gesicht, sondern in mein Herz. Dein Reden fühlt sich warm an.

Ich habe Angst mich noch einmal in dich zu verlieben.

Was ich auch oft bemerke: viele Menschen reden einfach los, weil sie die Stille nicht ertragen können. Dabei ist es doch gerade die Stille, die uns Wertvolles erzählt.

Liebe Grüße, Ronz.

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Dear H.

I feel better today. Still I don’t know what to answer to people. How to talk to them. Or how I have to. If I have to. I’m not sure about that. Everything they tell me seems so irrelevant to me. At least that’s the way it is when most people talk to me. They are talking „to“ me. Nobody ever asks me if I want to talk at all. People talk to me without asking me. Usually I react out of my shame. Pretend to listen, nod or shake my head, sometimes a „mmmh“ or „yes“ or „aha“. But actually my tongue doesn’t want to get out of the cave. She doesn’t know what to do out there. I then feel arrogant, as a misanthrope, stupid…

Today again. People throw sentences at me.
„I gave him 20 meters of chain link fence 5 months ago, but he still hasn’t installed it.“
„Because of my grandson, I don’t put any chemicals in the pond, so I have to empty and refill it three times a year. But where do you put all that water?“
„Isn’t that shitty weather today?“
„It’s curfew, but the museums are open. Where’s the logic?“
I look at my counterpart like a first grader on a maths school-leaving exam. I just do not understand.

Why do so few people talk about feelings? I would like to listen to that.

Am I broken? What’s wrong with me?

The conversations with you are different. You are not speaking in my face, but in my heart. Your talking feels warm.

I’m scared of falling in love with you again.

What I also often notice: many people just start talking because they can’t stand the silence. Yet it is precisely the silence that tells us something valuable.

Kind regards, Ronz.

Briefe an H. 2 / Letters to H. 2

Liebe H.

mir geht es heute besser. Ich weiss nicht was Liebe bedeutet und wie man das macht. Wenn ich meine zu Lieben, dann bin ich vollumfänglich. Meine Tore sind weit offen, ich vertraue bedingungslos, ich lasse mich in die Liebe fallen. Einfach so. Stelle keine Forderungen, schütte mein Herz aus über jemanden. Dann denke ich wieder, es kann doch nicht gut sein jemanden zuzuschütten. Muss ihn doch erdrücken. Aber wie liebt man ohne zuzuschütten? Wie kann ich meine Liebe zeigen ohne dass der andere Angst bekommt? Ich weiss es nicht. Deswegen bin ich single. Solange ich darauf keine Antwort weiss. Deswegen fühle ich mich manchmal einsam.

Ich weiss eigentlich nicht viel von dir.

Die Sache mit der Einsamkeit. Ein zweischneidiges Schwert. Entweder ich lasse mich auf jemanden ein, der in der Liebe fordert (wenn auch unausgesprochen) oder ich finde eine Frau, die nur liebt, nicht fordert, und ich ertappe mich dabei wie ich mir auf die Schliche komme, da ich selbst Erwartungen habe und meine angebliche Liebe nur eine Seifenblase ist. Das würde bedeuten, dass ich keine Chance habe, egal wie es kommt. Was mich wiederum kraftlos macht, keine Lust zu suchen.

Es gibt Menschen, die sagen, du musst gar nicht suchen. Liebe kommt zu dir. Vor diesem Fragezeichen stehe ich gerade. Schulterzucken, Kopf leicht schief gelegt.

Liebst du?

In Liebe Grüße, Ronz.

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Dear H.

I feel better today. I don’t know what love means and how to do love. When I think I love, then I am all in. My gates are wide open, I trust unconditionally, I let myself fall into love. Just because. Don’t make demands, pour my heart out on someone. Then in turn I think, it can’t be good to fill someone up. Must crush him. But how do you love without filling up? How can I show my love without frightening the other? I dont know. That’s why I’m single. As long as I don’t know the answer. That’s why I feel lonely sometimes.

I don’t really know much about you.

The thing about loneliness. A double-edged sword. Either I get involved with someone who demands something in love (even if unspoken) or I find a woman who can just love, no demands, and I find myself trapped because I have expectations and my supposed love is just a soap bubble. That means no matter how it comes, I don’t have a chance. Which in turn makes me powerless, I have no desire to look for somebody.

There are people who say you don’t have to search. Love will come to you. I am standing in front of this question mark. Shrug, head tilted slightly.

Do you love?

With love Best wishes, Ronz.

Briefe an H. 1 / Letters to H. 1

Liebe H.

mir geht es heute besser. Ich weiss nicht was Leben bedeutet und was wichtig daran ist (weiß das überhaupt jemand?), aber ich lebe. Einfach so. Bin mir nie sicher, ob das ok ist. Darf man einfach so leben, ohne Ziele, ohne Schwerpunkte, ohne Inhalt? Ich lasse mich treiben, Tag für Tag, bemerke aber auch, dass einem nicht so viel begegnet, wenn man nur treibt und nicht schwimmt. Ich zucke mit den Schultern und sage ‚Es ist halt so.‘, habe jedoch immer das dumpfe Gefühl etwas zu verpassen. Chancen zu verpassen. Das Glück zu verpassen. Dabei fühle ich mich gar nicht unglücklich, eher stumpf. Bin zufrieden mit meinem Leben, eingerollt in ein fettes Wattepolster, das meine Umwelt verschluckt.

Ich wünsche mir, dass es dir gut geht.

Heute habe ich diesen Satz wieder gehört. ‚Ich möchte, dass meine Kinder ein besseres Leben leben, als ich es hatte. Meines war sehr hart und schmerzhaft.‘ Und jedesmal, wenn ich diesen Satz höre, frage ich mich ‚Warum?‘. Warum sollen Kinder ein einfacheres und leichteres Leben leben?  Nimmt man ihnen nicht etwas weg, wenn sie keine schmerzhaften Erfahrungen machen dürfen? Schmerz gehört doch zum Leben wie Hass, Tod, Liebe, Glück und Kätzchen. Jedes gute Gericht braucht Salz und Säure. Nur Süße allein schmeckt nicht. Lasst die Kinder doch Schmerz erleben. Ich jedenfalls mag meinen Schmerz, den ich erlebt habe. Ich stelle ihn auf kein Podest  und lasse ihn mein Leben bestimmen. Aber er ist ein Teil von mir.

In Liebe, Ronz.

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Dear H.

I feel better today. I don’t know what life means and what is important about it (does anyone even know that?), but I’m living. Just because. I’m never sure if that’s ok. Can one just live like that, without goals, without priorities, without content? I let myself drift, day after day, but also notice that you don’t come across as much if you just drift and do not swim. I shrug my shoulders saying, ‚It’s just the way it is‘, but I always have the nagging feeling of missing something. To miss opportunities. To miss happiness. I don’t feel unhappy at all, rather lustreless. I am satisfied with my life, rolled up in a fat pad of cotton wool that swallows my environment.

I wish that you are fine.

Today I heard that sentence again. ‚I want my kids to live better lives than I had. Mine was very hard and painful.‘ and every time I hear this sentence, I ask myself ‚Why?‘. Why should children live a simpler and easier life? Aren’t you taking something away from them if they’re not allowed to have painful experiences? Pain is part of life like hatred, death, love, happiness and kittens. Every good dish needs salt and acid. Only sweetness alone does not taste good. Let the children experience pain. Anyway, I like the pain I was experiencing. I don’t put him on a pedestal and let him rule my life. But it’s part of me.

With love, Ronz.